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Filmprogramme in Österreich

Ein kleiner historischer Überblick
Filmprogramme gibt es in Österreich eigentlich seit den ersten öffentlichen Filmvorführungen, also seit rund 100 Jahren.
Ähnlich seinen Vorgängern, den Zirkus- und Varietéprogrammen, sollten die Kino- bzw. Filmprogramme eine Programmabfolge dem „werten Publikum“ näher bringen.
Die ersten Programme waren somit nicht Programme zu einzelnen Filmen, oder, wie man damals sagte, Films, sondern umfassten eine ganze Reihe von Programmpunkten im Rahmen des zweimal wöchentlich wechselnden Spielplanes der Kinematographentheater. Es waren also im eigentlichen Sinne Kino-, und nicht Filmprogramme. Angefangen vom musikalischen Auftakt, über aktuelle Wochenschauberichte und Naturaufnahmen, bis hin zu den diversen ernsten oder heiteren Kurzfilmen, wurde der Ablauf einer Kinovorstellung mehr oder weniger ausführlich skizziert.
Erst allmählich, als die Filme länger wurden (dreiaktige Filme), begann man, auch für die einzelnen Filme eigene Programme herauszubringen.
Die Geschichte der österreichischen Stummfilmprogramme ist noch weitgehend unerforscht. So viel nur: Fast zu allen Stummfilmen in Österreich wurden Programme herausgebracht. Über 30.000 (!!) solcher Programme wurden in den verschiedensten Serien produziert. Die KIVUR-Programmserie (ab 1919) gilt zwar schlechthin als Synonym für die Österreichischen Stummfilmprogramme, ist aber mit über 7.000 Nummern nur eine, wenngleich auch die größte, von vielen anderen Publikationen (Waldheim & Eberle, Kaufer, Blumental-Löwy, Wiko, etc.) jener Zeit. Bis zum Jahr 1932 wurden in manchen Wiener Kinos KIVUR-Programme angeboten, also auch noch, was kaum bekannt ist, zu vielen Tonfilmen.
Mit Einführung des Tonfilms im Jahre 1929 ging man dazu über, ähnlich wie in Deutschland bereits zu Zeiten des Stummfilms, (Berliner Illustrierter Filmkurier), die Attraktivität der Programme durch üppige Illustrationen zu erhöhen. Die Programme wurden mit zahlreichen Szenenbildern ausgestattet. Auch wurde verstärktes Augenmerk auf die zur Stummfilmzeit teilweise noch dürftigen Stab- bzw. Besetzungsangaben gelegt. Zahlreiche der populären Filmschlagertexte finden sich auf den nun achtseitigen Programmen des Illustrierten Filmkuriers (Wien 1929 – 38) wieder, von dem 2.065 Nummern erschienen sind. Parallel dazu findet man etwa im selben Zeitraum aber auch schlichte, wenngleich signifikante Exemplare von Programmen der Filmpropaganda Ges.m.b.H., gemeinhin auch bekannt als „Zwischendrucke“, die im Wesentlichen den Programmen der Stummfilmzeit ähneln. Rund 300 solcher Programme sind nachweisbar.
In der Zeit zwischen 1938 und 1945 wurden in Österreich, der damaligen Ostmark, ausschließlich Programme der Deutschen Serien (Berliner Illustrierter Filmkurier/Programm von Heute) vertrieben.
1946 erlebt die Serie Illustrierter Filmkurier eine Wiedergeburt. Bedingt durch die akute Papierknappheit sind die Programme anfangs noch weit vom Standard der 30er Jahre entfernt. Aber immerhin gibt es wieder eigene österreichische Filmprogramme. Vom so genannten Nachkriegskurier (Illustrierter Filmkurier Wien, 1946 – 56) erscheinen 2.346 Nummern. Vom Illustrierten Filmprogramm (1947 – 51) über 500 Stück. Zusammen mit dem Programm von Heute (Wien 1950 – 56) mit ebenfalls rund 500 Nummern repräsentieren diese drei Programmserien das nahezu gesamte heimische Filmangebot dieser Zeit. Im Jahre 1951 (exakt mit der Nummer 1.000 des Illustrierten Filmkuriers) einigen sich die Herausgeber beider Serien (Filmkurier und Programm von Heute) auf ein neues Format (161/239mm), das bis zum heutigen Tage als Standardformat österreichischer Filmprogrammserien gilt.
Mit der Fusion der Verlage Illustrierter Filmkurier und Programm von Heute im Jahre 1956 schlägt die Geburtsstunde einer neue Programmserie: dem Neuen Filmprogramm. Mit derzeit über 11.000 Programmen ist es die weltweit umfangreichste Programmserie überhaupt. Der selbe Verlag entschließt sich im Jahre 1965 zur Herausgabe einer speziellen Serie für große, publikumswirksame Streifen. Die Titelseiten der 12 – 20-seitigen Hefte der Serie Neuer Filmkurier (Format 179/258mm) wurde überwiegend im Vierfarbdruck gestaltet. Bislang sind rund 480 Nummern dieser Programme erschienen.
Das vielfältige Angebot von Filmen in den 60er/70er Jahren, teilweise kleine kurzlebige Billigprodukte ohne große Marktchancen, machte eine Produktion von Programmen zu jedem anlaufenden Streifen nicht mehr rentabel. Zu zahlreichen Sex & Crime-Filmen, Spaghettiwestern, Horror- oder Kriegsfilmen der Kategorie C, wie diese Produkte damals bezeichnet wurden, existiert kein Filmprogramm.
In den Jahren 1979 – 1992 versuchte der Top-Filmverleih mit eigenen Programmen eine Marktlücke zu füllen. 114 derartige Programme wurden herausgebracht.
Als die Produktion von Programmen zu ausgeprägten Kunstfilmen, so genannten Arthousefilmen, weiter stark eingeschränkt wurde, entstand, diesem Umstand entgegenwirkend, im Jahre 1993 eine neue Serie: das Filmindex-Programm. Mit inzwischen mehr als 1.000 Nummern wird hier ergänzend zur den Serien Neues Filmprogramm/Neuer Filmkurier versucht, den Rest des heimischen Filmangebotes zu erfassen, aber auch Programme zu älteren Filmen herauszubringen, um so den Wünschen der zahlreichen Sammler Rechnung zu tragen.
Obwohl neuerdings viele in Deutschland regulär gestartete Filme nicht mehr den Weg in die österreichischen Kinos finden, werden auch Programme zu den meisten dieser Filme im Rahmen der österreichischen Serien produziert und somit fast 90% des deutschsprachigen Filmangebotes erfasst.
Es darf als sicher angenommen werden, dass die Kontinuität mit der in Österreich Filmprogramme produziert wurden, weltweit wohl einzigartig ist. Ausgenommen die politisch bedingte 7-jährige Unterbrechung (1939 – 45) werden in den Wiener (österreichischen) Kinos bis zum heutigen Tag immer noch Programme zum Kauf angeboten. Diese Tradition, die im benachbarten Deutschland im Jahre 1969 zu Ende ging, stellt ein Phänomen dar, für dessen Verbleib wir uns weiterhin mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften einsetzen werden.
Ohne staatliche Zuwendung und ohne Werbung herausgegeben, sollen die Filmprogramme weiterhin das sein, was sie immer schon waren: eine außergewöhnliche Kombination zwischen Information und Erinnerung, ein gleichzeitig zeitgemäßes wie traditionelles Produkt.

Herbert Wilfinger, im Januar 2005